Den eigenen Namen selbst wählen

Namensänderung für Nachfahr:innen Versklavter möglich
Linda Nooitmeer: "Namen sind ein wesentlicher Bestandteil der Identität."
#antirassismuswow #menschenwow
    © Linda Nooitmeer

      Auch mehr als eineinhalb Jahrhunderte nach Abschaffung der Sklaverei zeugt in den Niederlanden manches von der schrecklichen Vergangenheit – unter Anderem Namen von Nachfahr:innen versklavter Menschen. Nun gibt es eine Erleichterung für sie im amtlichen Procedere der Namensänderung.

      Ein versöhnlicher Schritt in einem dunklen Kapitel der niederländischen – und europäischen – Geschichte: In Utrecht soll es für die Nachfahr:innen von Sklav:innen künftig einfacher werden, ihren Nachnamen zu ändern. Den Namen, der ihren Ahnen einst gegen ihren Willen gegeben worden war. Bislang war es nötig, dafür 835 Euro zu bezahlen und sich gegebenenfalls einem psychologischen Test unterziehen. Beides fällt nun weg. Auch in Amsterdam, Rotterdam und Den Haag steht eine solche Vereinfachung zur Debatte.

      Aberkennung der eigenen Identität

      Ab dem 16. Jahrhundert bis zur Abschaffung der Sklaverei in den Niederlanden anno 1863 waren mehr als eine halbe Million Menschen aus Afrika verschleppt und versklavt worden. Teil des grausamen Prozesses war die Aberkennung ihres Namens. Selbst nach ihrer Freilassung durften sie diesen nicht frei wählen, nur bestimmte Namen waren zugelassen. Meist bezogen sich diese auf die Plantagen, auf denen sie zu arbeiten hatten, oder niederländische Orte.

      Seit der aktuellen Ankündigung haben sich hunderte Interessierte gemeldet, die eine Namensänderung durchführen möchten oder zumindest darüber nachdenken. Letzteres betrifft zum Beispiel auch Linda Nooitmeer (Foto), Leiterin des Nationalen Instituts für niederländische Versklavungsgeschichte (Nationaal Instituut Nederlands Slavernijverleden en Erfenis). Ihren Nachnamen findet sie selbst vergleichsweise harmlos: Übersetzt bedeutet er „nie wieder“.
      Namen seien für viele ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität, so Nooitmeer. Den einst aufgezwungenen, sogenannten „Sklavennamen“ abzulegen könne ihnen ein Stück Würde zurückgeben.
      Auch Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland Bund e. V. findet das Signal aus Utrecht „begrüßenswert“, teilt er tageswow.de auf Anfrage mit, denn: „Solche Maßnahmen können zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem europäischen Kolonialismus beitragen.“

      Nomen omen est?

      Dass einige Niederländer:innen mit afrikanischen Wurzeln dennoch zögern, ihren Namen ändern zu lassen, hat mit einem Problem zu tun, das auch in Deutschland bekannt ist: Ein (vermeintlich) ausländisch bzw. fremd klingender Name verschließt mitunter Türen – sei es im Beruf, bei der Wohnungssuche oder auch im Privatleben.
      „Ein spannendes Thema“, findet Della. „Da in Deutschland nicht ohne Weiteres die Möglichkeit besteht, den eigenen Namen – und zwar Vor- und Nachnamen – zu ändern, wäre es interessant, auch hierzulande über Erleichterungen nachzudenken.“

      Zusammengefasst lässt sich sagen: So gut und wichtig der Schritt ist, der in Utrecht mit dem erleichterten Zugang zur gewünschten Namensänderung gegangen wird – es ist einer von vielen nötigen, die für uns als Gesellschaft noch zu gehen sind.

       

      Quellen und weiterführende Links:
      deutschlandfunk.de/niederlande-wer-seinen-sklavennamen-loswerden-will-muss-in.2849.de.html?drn:news_id=1301288
      wdr.de/mediathek/audio/cosmo/daily-good-news/audio-utrecht-vereinfacht-die-aenderung-von-sklavennamen-100.html
      bbc.co.uk/news/world-europe-58492848.amp?fbclid=IwAR37E_EWku9r13aVnbaRaTgsi17RtRUpIYm-OIQcUdv8e3egoCbb7W1KlBM
      theguardian.com/world/2021/sep/10/utrecht-looks-at-paying-for-descendants-of-enslaved-people-to-change-names

      Bildquelle: © Linda Nooitmeer