Mit Recycling an die Spitze

Österreichs Zehn-Punkte-Plan zur Kreislaufwirtschaft
Verschiedenfarbige Recyclingtonnen
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    © Pawel Czerwinski, Unsplash

      Der weltweite Ressourcen- und Materialverbrauch steigt seit Jahrzehnten ebenso wie das Abfallaufkommen, Recycling jedoch ist für die Wirtschaft nach wie vor ein Randthema. Ein zentrales Konzept für die notwendige Transmission in eine nachhaltige und umweltfreundliche Wirtschaft ist die Kreislaufwirtschaft.

      Nach EU-Gesetzgebung soll spätestens 2025 die Hälfte aller Kunststoffverpackungen dem Recycling zugeführt werden, 2030 sollen es sogar 55 Prozent sein. In einigen Teilen Europas wähnte man sich auf einem guten Weg, bis der Europäische Rechnungshof (ERH) im Oktober 2020 die Berechnung der Quoten kritisierte. Laut Einschätzung des ERH werden die Recyclingquoten durch die neue Berechnung folglich sinken.

      Die EU-Mitgliedsstaaten haben sich ihre Quoten bis zu jenem Zeitpunkt also schöner gerechnet, als sie es waren. Denn: Es werden nach wie vor mehr Kunststoffabfälle verbrannt als recycelt. Dieser Vorgang trägt nicht nur zur Umweltverschmutzung bei, er verhindert auch das Wiederbenutzen wertvoller Rohstoffe.
      Auch sind die Quotenziele lückenhaft. Für Plastikabfälle, die in der Landwirtschaft, auf dem Bau, bei der Autoproduktion oder bei der Fertigung von Elektro- und Elektronikgeräten anfallen, gibt es bislang überhaupt keine Richtwerte (obschon in diesen Sektoren eine große Rückgewinnungsquote möglich ist). Von den schätzungsweise 1,7 Millionen Tonnen Kunststoff, die beispielsweise im Jahr 2017 in der EU-Landwirtschaft verwendet wurden, wurde ein großer Teil mutmaßlich verbrannt oder auf den Feldern zurückgelassen. Es gibt keine Sammel-, geschweige denn Recyclingsysteme für Plastik in der Agrarindustrie.

      Mehr Recycling, bessere Quote

      Im EU-Vergleich steht Österreich mit 53 Prozent Recyclingquote zum jetzigen Zeitpunkt gut da: Nur Deutschland (67 Prozent) und Slowenien (59 Prozent) recyceln mehr Siedlungsabfälle. Siedlungsabfälle sind Abfälle aus privaten Haushalten oder hausmüllähnliche Abfälle aus Gewerbebetrieben. Auch Bioabfälle, Glas, Papier oder Sperrmüll gehören dazu.
      Nichtsdestwoerniger muss Österreich das Recycling von Kunststoffverpackungen in den kommenden fünf Jahren verdoppeln, um das neue Quotenziel zu erreichen.

      Einiges hat Österreich bereits erreicht: Bis 2029 soll die Sammelquote für Kunststoff-Getränkeflaschen EU-weit 90 Prozent betragen. Drei österreichische Bundesländer erfüllen diese Vorgabe schon, zwei weitere stehen kurz davor. Der Bundesdurchschnitt liegt derzeit bei 70 Prozent.

      Anfang August 2021 präsentierte die österreichische Wirtschaftskammer nun einen Zehn-Punkte-Plan zur Kreislaufwirtschaft. Damit sollen in Österreich sämtliche EU-Recyclingziele erreicht und die Rückgewinnung von Rohstoffen maximiert werden – ohne Haushalte und Unternehmen übermäßig zu belasten.

      Der Zehn-Punkte-Plan in Kürze

      Während derzeit jedes österreichische Bundesland unterschiedliche Maßstäbe für Recycling und Abfallsammlung ansetzt, sollen diese baldmöglichst vereinheitlicht werden. Statt die Bürger:innen Abfälle zu Sammelstellen bringen zu lassen, soll der Müll in Zukunft abgeholt werden. Das Stichwort lautet „convenience“, englisch für Bequemlichkeit.

      Darüber hinaus erfassen Digitalisierungsmaßnahmen öffentliche Gebäude, Freizeitkonsum und Gewerbeabfälle. Mithilfe dieser Daten werden Sammelbehälter strategisch aufgestellt und Bürger:innen wie Betriebe entsprechend sensibilisiert. Langfristig sollen smarte Sammelbehälter durch Bonuspunkte die Rückgabe von Wertstoffen fördern.
      Verpackungen müssen künftig mit möglichst niedrigem Materialeinsatz so entworfen werden, dass sie für Recycling oder Aufwertung, also Upcycling geeignet sind. Neue und aufgerüstete ältere Sortieranlagen gewinnen zudem mehr Wertstoffe aus Rest- oder Gewerbemüll.

      Mit groß angelegten Kampagnen zur Bewusstseinsförderung und verschärften Strafen will man das sogenannte Littering verhindern. Littering bezeichnet die Vermüllung von öffentlichem Raum und Natur, zum Beispiel mit Gratiszeitungen, Zigarettenstummeln oder auch Elektroschrott.

      Kritiker:innen bemängeln Kosten und Umsetzung

      Die österreichische Wirtschaftskammer sieht sich bereits als internationaler Vorreiter in Sachen Kreislaufwirtschaft. Der Zehn-Punkte-Plan sei ein effizientes, kostengünstiges Gesamtkonzept und beispielsweise günstiger als die Einführung eines Pfandsystems. Aber es hagelt auch Kritik, besonders von der Pfandgesellschaft ÖPG. Sie bemängelt, dass Umstellung vom momentanen Bring- auf ein Hol-System mit gelber Tonne die Betriebskosten verteuere. Zudem trügen Konsument:innen die unmittelbaren Kosten. Bau und Aufrüstung bestehender Sortieranlagen hingegen seien ein guter Ansatz, aber so schnell nicht umsetzbar, da in den letzten Jahren ein Mangel an Investitionen bestanden habe.

      Weiterhin argumentiert die ÖPG wenig überraschend für die Einführung eines Pfandsystems. Dieses entlaste die ohnehin an der Kapazitätsgrenze arbeitenden Sortieranlagen. Das gewichtigste Argument ist allerdings der Vorwurf, dass die Wirtschaftskammer viele ihrer Mitglieder nicht an der Diskussion beteiligt habe.

      Kreislaufwirtschaft ist real

      Trotz berechtigter Kritik ist Österreichs Zehn-Punkte-Plan ein vielversprechendes Modell. Für das Konzept wurden die verschiedenen Verwertungsmethoden der österreichischen Bundesländer verglichen und die vielversprechendsten Ansätze herausgearbeitet, inklusive Einführung eines Pfandsystems.
      Statt etwas grundsätzlich Neues zu ent- und Bestehendes zu verwerfen, setzt man also künftig auch auf die Optimierung bewährter Methoden. Für alle Fälle sieht das Maßnahmenpaket daher einen rechtlichen Rahmen für die Förderung von Forschung, Innovation und Investition vor.

      Im EU-Vergleich dürfte der österreichische Zehn-Punkte-Plan derzeit die besten Chancen auf eine Realisierung der Kreislaufwirtschaft haben. Bleibt es nicht beim föderalistischen Klein-Klein, könnte das Modell echten Vorbildcharakter für andere EU-Länder haben – auch für Deutschland und Slowenien.

       

      Quellen und weiterführende Links:
      https://news.wko.at/news/oesterreich/WKO-10-Punkte-Plan.pdf
      https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200802_OTS0012/ara-10-punkte-plan-der- wirtschaft-jahrhundertchance
      https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/kritik-des-europaeischen-rechnungshofs-eu-verfehlt-recyclingquoten/26250178.html
      https://www.bmu.de/themen/wasser-ressourcen-abfall/kreislaufwirtschaft/abfallarten-abfallstroeme/siedlungsabfaelle
      https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20200806_OTS0102/oepg-pfandsystemgesellschaft-kritisiert-10-punkte-plan-der-wko-fuer-die-kreislaufwirtschaft-keine-loesung-des-problems
      https://www.bmk.gv.at/themen/klima_umwelt/abfall/publikationen/kreislauf.html

      Bildquelle: © Pawel Czerwinski, Unsplash