Bücher, die das Leben schreibt

Eine Bibliothek "verleiht" Menschen und ihre Geschichten
Begegnungen: In der menschlichen Bibliothek werden Vorurteile abgebaut
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© Howard County Library System, Flickr

Manche Menschen sind für andere ein offenes Buch. In der Human Library, der „Menschlichen Bibliothek“, ist das nicht im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret gemeint: Hier leiht man sich eine:n Gesprächspartner:in aus, erfährt Neues über andere Leben(sweisen) und lernt, Vorurteile abzubauen.

„HIV positiv“, „Kind drogensüchtiger Eltern“, „Schizophren“, „Obdachlos“, „Immigrantin“: Die Titel der menschlichen „Bücher“, die man in einer ganz besonderen Bibliothek in Kopenhagen ausleihen kann, drehen sich häufig um Themen, die mit einem Stigma behaftet sind. Ein Umstand, den die Human Library ändern möchte. „Unjudge someone“ lautet ihr Motto, zu Deutsch etwa „Enturteile jemanden“, oder freier übersetzt: „Überdenke deine Vorurteile“.

Der dänische Journalist Ronni Abergel (48) hat die Human Library im Jahr 2000 mit seinem Bruder Dany und seinen Kolleg:innen Asma Mouna und Christoffer Erichsen gegründet. Das erste „Buch“ in der menschlichen Bibliothek war ein Polizist, der sich auf dem dänischen Roskilde-Festival den Fragen dreier Antifaschisten stellte. Diese waren auf Demonstrationen schon öfter mit „den Bullen“ aneinandergeraten. Schon damals zeigte sich: Das Konzept geht auf. Als ein Kumpel der drei zur Gruppe stieß und Streit mit dem Polizisten suchte, verteidigten sie diesen sofort.

„Es geht nicht um Toleranz“

Häufig haben Besucher:innen der Bibliothek einen Bezug zum Thema, um das sich ihr „Buch“ dreht. Typisch etwa sind verunsicherte Eltern, deren Kinder sich als homosexuell oder transgender geoutet haben. Ihren Gesprächspartner:innen können sie Fragen stellen, die sie sich ihren Kindern (noch) nicht zu stellen trauen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Aber auch pure Neugier auf andere Lebensweisen kann der Anlass für eine Ausleihe sein.
Es gehe bei seiner Bibliothek nicht um Toleranz, so Abergel. „Niemand will nur toleriert werden. Wir wollen akzeptiert werden. Respektiert als diejenigen, die wir sind.“

Dass es bei den Gesprächen stets wertschätzend zugeht, darauf achten Abergel und seine mittlerweile 25 festangestellten und unzähligen ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen ganz genau. Sie bereiten die „Bücher“ vorab auf eventuelle Fragen vor und schreiten bei respektlosem Verhalten sofort ein. Außerdem steht ein Psychologe zur Verfügung, falls das Gespräch aufgewühlend wirkt.

Alle Gespräche und damit „Ausleihen“ sind kostenfrei möglich. Die menschliche Bibliothek finanziert ihre Events mittlerweile oft durch Kooperationen mit größeren Firmen.
In rund 80 Ländern fanden mittlerweile bereits Human-Library-Veranstaltungen statt. Dass sich durch die Pandemie viele Gespräche ins Internet verlagert haben, entsprach zwar nicht dem eigentlichen Konzept der direkten Begegnungen. Es erwies sich aber letztlich aber als bereichernder als gedacht: Denn nun waren sogar Begegnungen über Kontinente hinweg möglich und einige neue internationale Freundschaften entstanden. In Zeiten wie diesen wichtiger denn je.

 

Quellen und weiterführende Links:
humanlibrary.org/
sz-magazin.sueddeutsche.de/die-loesung-fuer-alles/human-library-ronni-abergel-90820
https://www.eh-freiburg.de/sonstiges/human-library-2017/
arte.tv/de/videos/105133-000-A/human-library-menschen-werden-zum-offenen-buch/
zdf.de/kultur/aspekte/human-library-lebendige-buecher-ausleihen-102.html

Bildquelle: © Howard County Library System, Flickr