Deutsche haben weniger Angst

Angstindex so niedrig wie seit fast 30 Jahren nicht
Papprolle an Klorollenhalter mit der Aufschrift "Don't panic"
#angstwow #menschenwow
    © Jasmin Sessler, Unsplash

      Trotz aller Krisen der letzten Jahrzehnte haben Deutsche erstaunlicherweise insgesamt weniger Angst als noch vor 28 Jahren. Corona-Pandemie, Zuwanderung, Bankenkrise und andere einschneidende Phasen haben keine ängstlicheren Menschen zurückgelassen – im Gegenteil: Fast scheint es, als seien Viele mental stärker.

      Ein deutsches Versicherungsunternehmen befragt seit fast drei Jahrzehnten regelmäßig etwa 2.400 Deutsche und verfolgt so über einen längeren Zeitraum die Entwicklung der möglichen Sorgen von Bürger:innen. Demnach hatte im Jahr 1992 noch fast jede:r zweite aller Befragten Angst vor einer schweren Erkrankung. Trotz der weltweiten Verbreitung des Coronavirus‘, Lebensmittelskandalen und zunehmenden Umweltschäden war es im Jahr 2020 überraschenderweise nur noch jede:r Dritte. Auch die Angst, ein Pflegefall zu werden, ist über die letzten dreißig Jahre leicht gesunken.

      „German Angst“ – was ist das?

      Natürlich sind nicht alle Sorgen kleiner geworden oder gar verschwunden. Die Angst vor einer Wirtschaftsflaute beispielsweise trieb zum Jahrtausendwechsel noch 50 Prozent der Deutschen um, aktuell sind es 40 Prozent. 2001 hatte die Hälfte der Bevölkerung noch beträchtliche Sorge vor überforderten Politiker:innen. Zwei Jahrzehnte später haben hingegen 60 Prozent der Deutschen Vertrauen in die Kompetenz ihrer Regierung.
      Sollte die berüchtigte „German Angst“ ihren Klammergriff tatsächlich gelockert haben? Die Langzeitanalyse lässt diese Vermutung zu.

      Obwohl die Themen Lebensmittelgifte, Pestizide und Schadstoffe immer wieder die Schlagzeilen beherrschen, scheint die allgemeine Furcht vor belasteten Lebensmitteln gesunken zu sein. Die Angst vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln erreichte mit dem EHEC-Ausbruch 2007 ihren Höhepunkt. Damals fühlten sich 70 Prozent der Deutschen durch Schadstoffaufnahme via Nahrungsmittel bedroht.
      Seit 2019 sorgen sich diesbezüglich zwar immer noch etwa 42 Prozent der Menschen, damit aber deutlich weniger als davor. Die mittlerweile große Auswahl an Bio-Nahrungsmitteln bietet beunruhigten Konsument:innen eine vertrauenswürdigere Alternative zu konventioneller Ware.

      Deutlich weniger Angst vor Extremismus und Arbeitslosigkeit

      Derzeit befindet sich die Angst vor politischem Extremismus auf einem Rekordtief: Noch 2016 waren fast 70 Prozent der Bevölkerung deshalb in großer Sorge, nun sind es weniger als 40 Prozent. Und hatte 1996 noch jede:r Zweite Angst, arbeitslos zu werden, fühlt sich hiervon heutzutage nur noch jede:r Fünfte bedroht.

      Trotz einschneidender Krisen haben die Ängste, Sorgen und Befürchtungen der Deutschen in vielen Bereichen also signifikant abgenommen. Eine erfreuliche Entwicklung, vor allem, da uns unsere subjektive Wahrnehmung oft glauben lässt, dass die Gründe zur Sorge zunehmen. Vielleicht haben wir Deutschen tatsächlich Talent für sogenannte Soft Skills wie Resilienz und Vertrauen.

       

      Quelle und weiterführender Link:
      de.statista.com/statistik/daten/studie/575916/umfrage/angstindex-fuer-deutschland/
      www.ruv.de/presse/aengste-der-deutschen/aengste-der-deutschen-langzeitvergleich

      Bildquelle: © Jasmin Sessler, Unsplash