Aus aktuellem Anlass:

Offener Brief an die Besucher:innen von tageswow.de
#endwar #tageswow
    © Katapult Magazin

      Liebe an guten Nachrichten Interessierte,

      heute und dieser Tage gilt es weiterhin und noch mehr, an die Kraft der Ermutigung und Bestärkung Einzelner zu denken, um die Gemeinschaft in die Lage zu bringen, als solche durchzuhalten, einzustehen für die Kraft des Friedens und des Miteinanders.

      Diese Zeilen zu schreiben, fühlt sich lächerlich an im Angesicht dessen, was vor sich geht.
      Es fühlt sich klein an, denn die Frage, wen diese Zeilen erreichen, ob sie reichen und ob sie ansatzweise angemessen sind, liegt wie Blei auf dem Gemüt der Verfasserin.

      Was bringt eine Gute-Nachrichten-Seite in Tagen wie diesen?
      Hilft sie konkret? Kann sie Wandel bewirken, den benötigten Wandel, der die Schaffung dieser Seite überhaupt erst bewirkte?

      Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Wie Sie sich fühlen, wie Sie empfinden, was Sie zur Zeit tun oder nicht tun.
      Ich kann nur vermuten, dass es Ihnen eventuell ähnlich geht wie mir.
      Vielleicht sind Sie entmutigt, entkräftet nach den zurückliegenden Jahren und alldem, was ’neben‘ der Pandemie sonst noch geschehen ist auf der Welt.

      Wir leben in einer Zeit der Inflation.
      Damit meine ich nicht die Inflation des Wertes bedruckten Papiers.
      Ich meine die Inflation des Wertes von Nachrichten in Bildern und Wörtern, gesprochenen wie geschriebenen.
      Inhalte waren schon immer Ware; Geschichten zu erzählen, liegt in der Natur des Menschen. Eventuell war die Fähigkeit, Inhalte zu beschreiben und weiterzugeben, gar eine Beschleunigung der biologischen und technischen Entwicklung bis hierhin.
      Dessen unbenommen sind wir an einem Punkt angelangt, der es uns bei gleichzeitiger Möglichkeit, Inhalte weltweit zugänglich zu machen und zu teilen, unmöglich macht, all diese Inhalte zu verarbeiten.

      So geht es mir zum jetzigen Zeitpunkt.
      Ich kann es wortwörtlich nicht fassen, was ich da sehe.
      Zum ersten Mal seit meinen Tätigkeiten in Nachrichtenredaktionen sitze ich stundenlang vor dem Fernseher und verfolge Nachrichtensendungen, Ströme von Wörtern und Bildern.
      Zum ersten Mal seit vielen Jahren setze ich mich bewusst dem aus, was mich lähmt.
      Weil ich es nicht leisten kann, so zu tun, als ließe sich das ignorieren, indem jeder Tag, der neu anbricht, die Möglichkeit birgt, die Nachrichten mögen abbrechen beziehungsweise andere Inhalte zeigen.
      Zum ersten Mal seit Jahren kenne ich eine Person in der betroffenen Region und kann nicht zu ihr durchdringen.

      Das Schlimme daran? Dass dies in seiner Aus- und Durchführung zwar ein Einzelfall ist, nicht aber in seiner Art. Kriege, Überfälle, Tötungen und Massaker gehören zu den letzten Jahrzehnten wie die rasante Entwicklung technischer Möglichkeiten, diese „live“ mitzuerleben und dennoch in Sicherheit zu sein.
      Dies führt auf Dauer aus Gründen des Selbstschutzes zu Abstumpfung; wie sonst lässt es sich erklären, dass wir seit Jahren kriegerische Auseinandersetzungen, Menschenrechtsverletzungen und destruktive Politiksysteme tolerieren?

      Seit Tagen frage ich mich, was diesen Krieg für mein Empfinden und meine Wahrnehmung schlimmer, persönlicher gestaltet als die kriegerischen und politischen Auseinandersetzungen, die ebenfalls seit Jahren meine Wahrnehmung und mein Empfinden beeinflussen.
      Die naheliegendste Antwort: die geographische Nähe.
      Doch das ist es nicht.
      Es ist die Tatsache, dass nach alldem, was innerhalb der letzten zwei Jahre an Kritik bis hin zu Zerstörungswut bezüglich (deutscher) Demokratie zu vernehmen war, Letztere nun ganz physisch angewandt wird.
      Eine Demokratie soll zerstört werden.
      Die Demokratie?
      Es ist nicht nachzuvollziehen.

      Und das macht es so lähmend. Das macht einen Gute-Nachrichten-Newsletter so obsolet bei gleichzeitiger Notwendigkeit, diesen zu erstellen und zu verschicken.
      Das macht es unmöglich, von der großen Freude zu berichten, die in den zurückliegenden Wochen, besonders zwischen dem fünfzehnten und dem zweiundzwanzigsten Februar, tageswow.de, Beteiligte und Follower:innen beflügelt hat, als klar war: tageswow.de ist ein halbes Jahr alt und ein wichtiger Bestandteil im Nachrichtenstream. tageswow.de rennt offene Türen ein. Und tageswow.de hat nach Jahren der Vorbereitung und Konzeption ein Level erreicht, auf dem aufgebaut werden kann.
      Zu guter Letzt: tageswow.de ist via tageswow.com nun auch englischsprachig zugänglich.

      All das dürfte Berechtigung genug sein, zu produzieren und zu veröffentlichen wie nicht zuvor. Die Voraussetzung, die Notwendigkeit, nun darüber unterrichtet zu werden, was trotz und über allem an Hervor- und Herausragendem in konstruktivem Sinne geschieht, ist unübersehbar.
      Dennoch ist es heute nicht möglich.
      Als Alleinverantwortliche und -Zuständige für tageswow.de bin ich dieser Tage überfordert. Alles, was ich veröffentlichen und posten könnte, scheint mir hohl und wirkungslos in Anbetracht dessen, was vor unser aller Augen geschieht.

      Aber.
      Auch, wenn ich Sie momentan nicht wie üblich per Newsletter am Sonntag mit einem Wohlgefühl aus der Woche entlassen kann, so möchte ich doch nicht versäumen, Ihnen die Möglichkeit der Selbstermächtigung zu geben, um in dieser Zeit der Angststarre, der Lähmung ob des Unfassbaren die Möglichkeit zu haben, dieser wenigstens ein Stück weit zu entkommen.

      Ich habe in den vergangenen Tagen recherchiert und Stimmungen aufgenommen, um herauszufinden, was getan werden kann.
      Hier finden Sie Links zu Organisationen, die auf unterschiedliche Weise helfen.
      Denen auch Sie helfen können, sei es durch monetäre Spenden, Tatkraft und/oder Herzlichkeit und eine offene Tür.

      Lassen Sie uns dem Wahnsinn Klarsinn entgegenrecken und uns nicht beirren.
      Das, was momentan geschieht, ist nicht die Regel. Es ist die Ausnahme. Und als solche kann sie behandelt werden.

      Leonie Adam für tageswow.de am 27. Februar 2022

      (Auszug aus dem Februar-Newsletter)

       

      Bildquelle/Lizenz: © katapult-magazin.de, CC BY-NC-ND 4.0